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Medienberichte vom 27.6.2000


Tages-Anzeiger:

             "Epochaler Triumph der Forscher"

                       Das menschliche Erbgut ist weitgehend kartiert. Diesen
                       Erfolg verkündeten zwei bislang rivalisierende
                       Forschergruppen gestern Montag gemeinsam.

                       Von Ignaz Staub, Washington

                       Präsident Bill Clinton war sichtlich gut gelaunt, als er am
                       Montagmorgen im East Room des Weissen Hauses unter
                       Applaus bekannt gab, dass es einem öffentlichen
                       internationalen und einem privaten amerikanischen Team von
                       Forschern gelungen ist, den genetischen Code des Menschen
                       zu 97 Prozent zu entschlüsseln. Als kündigte er einen Erfolg
                       bei Friedensverhandlungen an, wurde Clinton bei seinem
                       Auftritt von den Leitern der beiden rivalisierenden
                       Forschergruppen flankiert.

                       Erfolg nach zehn Jahren

                       Via Satellit war auch der britische Premierminister Tony Blair
                       aus London zugeschaltet, wo bereits Stunden zuvor eine
                       Pressekonferenz des internationalen Forschungsteams
                       stattgefunden hatte. Am Humangenom-Projekt, das vor zehn
                       Jahren begann, beteiligen sich mehr als 1000 Wissenschaftler
                       aus insgesamt 18 Staaten, darunter die USA,
                       Grossbritannien, Deutschland, Frankreich, Japan und China.

                       Francis Collins, Leiter der Humangenom-Forschung am
                       öffentlichen National Institute of Health, und Craig Venter,
                       Direktor der Biotechfirma Celera Genomics, hatten sich zuvor
                       erbittert darum gestritten, welchem Team die Ehre zufallen
                       sollte, als Erstes den Durchbruch bei einem Projekt geschafft
                       zu haben, das von Kommentatoren mit der medizinischen
                       Version der Mondlandung verglichen wurde. Eingefädelt hatten
                       es andere, aber Clinton war derjenige, der ankündigen durfte,
                       dass sich die öffentliche wie die private Forschungsgruppe nun
                       verpflichtet hätten, im Lauf des Jahres ihre Daten gemeinsam
                       zu veröffentlichen. Das Unternehmen Celera erklärte, es wolle
                       seine Forschungsergebnisse im Herbst der Öffentlichkeit
                       zugänglich machen.

                       Clinton lobt und mahnt

                       Clinton sprach von "einem epochalen Triumph der Forscher".
                       Die Genomkarte sei "die wichtigste und wundersamste aller
                       Karten", ein Geschenk Gottes, mit dem Versprechen
                       ungeahnter Heilkräfte, sagte der US-Präsident in seiner Rede
                       im voll gepackten East Room des Weissen Hauses.
                       Gleichzeitig warnte er davor, die jüngsten
                       Forschungsergebnisse zu missbrauchen, um Menschen
                       auszugrenzen, zu diskriminieren oder deren Privatsphäre zu
                       verletzen. Alle Beteiligten im Weissen Haus waren sich am
                       Montag einig, dass trotz des historischen Durchbruchs auf die
                       Forscher noch viel Arbeit wartet. "Wir stehen", sagte Francis
                       Collins, "erst am Ende des Anfangs der Genomforschung."
 

Eine fast vollständige Karte vom Erbgut

                       Das menschliche Erbgut verliert seine Geheimnisse im
                       Eiltempo. Ein internationales Forscherteam legt nun
                       Daten hoher Qualität vor.

                       Von Helga Kessler

                       Mit Pressekonferenzen in Washington, Berlin, London, Paris
                       und Tokio feierten Wissenschaftler des internationalen
                       Human-Genom-Projekts (Hugo) gestern Montag, dass es
                       ihnen gelungen ist, das menschliche Erbgut zu 97 Prozent zu
                       entschlüsseln. Damit sind die Hugo-Forscher allerdings nur
                       Zweite in dem Wettrennen um die Kartierung des
                       menschlichen Genoms. Denn Craig Venter, Chef der
                       US-Firma Celera Genomics, hatte bereits Anfang April
                       verkündet, dass er das menschliche Genom zu 99 Prozent
                       entschlüsselt habe. Allerdings gab es damals heftige Kritik an
                       der Qualität der gelieferten Daten. Genau in diesem Punkt
                       wollen die Hugo-Forscher besser sein.

                       Klasse statt Masse

                       Sie hätten zwar mengenmässig weniger Daten, aber sie
                       wüssten, wie die gefundenen Abschnitte der DNS, der
                       Erbsubstanz, angeordnet seien, verkündeten die
                       Hugo-Forscher stolz. Und von den bekannten Abschnitten
                       würden sie wiederum von 85 Prozent die genaue Abfolge der
                       Basenpaare, aus denen die DNS aufgebaut ist, kennen. Damit
                       schreitet die Entschlüsselung des menschlichen Genoms
                       wesentlich schneller voran als ursprünglich geplant. War man
                       zu Beginn des Hugo-Projekts im Jahr 1990 noch davon
                       ausgegangen, dass die Arbeit erst im Jahr 2005 vollendet sein
                       wird, rechnen die Wissenschaftler nun damit, dass "die noch
                       vorhandenen Lücken bis zum Jahr 2003 oder früher
                       geschlossen werden". Damit würden sich auch die
                       ursprünglich geplanten Kosten für das Projekt von drei
                       Millionen US-Dollar erheblich reduzieren.

                       Dass es nun so rapide geht, liegt an der explosionsartig
                       angestiegenen Produktion von Daten mit hochmodernen
                       Sequenziermaschinen und Robotern, die erstmals von Venter
                       eingesetzt wurden. "Mehr als 60 Prozent der vorliegenden
                       Daten wurden in den vergangenen sechs Monaten produziert",
                       gaben die Hugo-Forscher in Berlin bekannt. Derzeit produziere
                       das Konsortium "1000 Basen Rohsequenz pro Sekunde,
                       sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag." Wie schon in
                       der Vergangenheit sollen sämtliche Daten öffentlich
                       zugänglich sein.

                       Auch in diesem Punkt unterscheidet sich das Hugo-Projekt
                       von demjenigen des Hauptkonkurrenten Venter. Seine Firma
                       gibt ihre Daten bislang nur gegen Geld heraus. Fünf
                       pharmazeutische Firmen bezahlen für den Service. Sie
                       erhoffen sich, wie die gesamte Forschergemeinde, dass die
                       Kenntnis von Genen dereinst zu neuen Behandlungswegen für
                       Krankheiten führen könnte. Viele Tausend Gene wurden
                       bereits gefunden, einige Dutzend konnten als Auslöser für
                       schwere Krankheiten bestimmt werden.

                       Die deutschen Hugo-Forscher warnen dennoch vor allzu
                       grosser Euphorie: "Bis zur Entwicklung neuer Medikamente
                       und Therapien zur Behandlung schwerer Krankheiten werden
                       noch 15 bis 30 Jahre vergehen." Denn die Hauptarbeit steht
                       den Forschern erst noch bevor: Mindestens 30 000 Gene,
                       vielleicht sogar 140 000, sollen den Menschen ausmachen.
                       Und jedem dieser Gene lässt sich ein Eiweiss zuordnen,
                       deren Zusammenspiel wiederum verstanden werden muss.

                       In London konnte das die Euphorie über die nun vorliegende
                       "Arbeitsversion" der Genomkarte allerdings nicht bremsen.
                       "Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms ist mit dem
                       ersten Menschen auf dem Mond verglichen worden, aber ich
                       glaube, es ist mehr als das", sagte Michael Dexter, Direktor
                       des britischen Wellcome Trust, einem der Sponsoren des
                       weitgehend mit staatlichen Geldern finanzierten Projekts.
                       Sogar die Erfindung des Rads sei weniger bedeutend. "Unsere
                       Gene machen schliesslich unser Menschsein aus", sagte
                       Dexter.

                       "Erbe der Menschheit"

                       Das hat Celera-Präsident Venter bislang nicht daran
                       gehindert, mehrere Tausend Genomschnipsel vorsorglich zum
                       Patent anzumelden. Sobald man weiss, ob sich dahinter
                       pharmazeutisch wertvolle Erbanlagen verbergen, will Venter
                       damit Geld verdienen. Über diese Praxis ärgern sich nicht nur
                       die Hugo-Forscher. Inzwischen gibt es sogar eine Idee, wie
                       man Venter und Konsorten stoppen könnte: Die Genomkarte
                       soll zum "Erbe der Menschheit" erklärt werden. Gefordert
                       haben dies Teilnehmer einer internationalen
                       Bioethik-Konferenz im spanischen Gijon, die am Samstag zu
                       Ende ging. Die 15 Punkte umfassende Erklärung soll der
                       Europäischen Union, dem Europarat, der
                       Uno-Kulturorganisation Unesco und allen Regierungen
                       zugeleitet werden. Noch wäre Zeit zum Handeln. Die
                       Geschichte der Genom-Entschlüsselung hat allerdings
                       gelehrt, dass die verbleibende Zeit kürzer sein könnte als
                       gedacht.
 
 

KOMMENTAR

                       Zwei Sieger

                       Von Helga Kessler

                       Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Vorübergehend
                       gab es bei dem Wettstreit, den sich die weitgehend staatlich
                       finanzierten Genomforscher des Hugo-Projekts und Craig
                       Venter mit seiner Firma Celera Genomics lieferten, tatsächlich
                       einen Nutzniesser: den wissenschaftlichen Fortschritt. Wäre
                       Venter mit seinem aggressiven Auftreten und seinen mit
                       neuester Technik ausgestatteten Labors nicht gewesen, hätte
                       sich die Genomforschung wohl die geplante Zeit gelassen und
                       gemütlich ihr Projekt zu Ende gebracht. Das hätte vielleicht
                       auch Vorteile gehabt. Aber es sollte nicht sein. Venter hat die
                       Hugo-Forscher massiv unter Druck gesetzt. Sie mussten sich
                       plötzlich gewaltig beeilen, um bei der Verteilung von Ruhm
                       und Ehre nicht leer auszugehen.

                       Venter hat aber nicht nur die Genomforschung beschleunigt,
                       sondern auch die Debatte über die ethischen Folgen dieser
                       Disziplin. Seine erfolgreiche Idee, mit Genen Geld zu machen,
                       hat vielen Menschen erst die Augen für die möglichen
                       negativen Auswirkungen eines "gläsernen Menschen"
                       geöffnet. Damit hat er die öffentliche Kritik am Tun der
                       Gentechniker gefördert, sicher ohne dies zu wollen. Ebenso
                       ungewollt hat er seine Kritiker mit Material versorgt, weil er vor
                       lauter Ehrgeiz, als "Vater der Genomkarte" in die Geschichte
                       eingehen zu wollen, Daten von mangelhafter Qualität vorgelegt
                       hat. Schliesslich hat er einseitig die Ergebnisse der staatlich
                       finanzierten Forschung genutzt, ohne andere von seinen
                       Resultaten profitieren zu lassen. Auch das ist weder
                       wissenschaftlich noch moralisch korrekt.

                       Wenn Venter nun gemeinsam mit den Hugo-Forschern auftritt,
                       um zu verkünden, dass man künftig gemeinsam
                       weiterforschen wolle, hat das für beide Seiten Vorteile. Venter
                       kann etwas für seinen angeschlagenen Ruf tun und damit die
                       Gewinnaussichten seines Unternehmens noch weiter steigern.
                       Im Gegenzug wird er seine Daten den Hugo-Forschern zur
                       Verfügung stellen müssen, kostenlos. So endet das
                       Wettrennen der Wissenschaftler, wie es fairerweise enden
                       muss: mit zwei Siegern.
 


Der Bund, Bern:

Menschliches Erbgut liegt offen

                    GENOM / Der gestrige Montag geht in
                    die Wissenschaftsgeschichte ein: Ein
                    privates und ein öffentlich finanziertes
                    Forscherteam haben gestern
                    gemeinsam die Aufschlüsselung der
                    menschlichen Erbsubstanz bekannt
                    gegeben - Ergebnis eines langen
                    Wettstreits.

                    sda. USA-Präsident Bill Clinton und der
                    britische Ministerpräsident Tony Blair
                    haben gestern angesichts der
                    weitgehenden Aufschlüsselung des
                    menschlichen Erbgutes dazu
                    aufgerufen, niemals die ethische
                    Verantwortung aus den Augen zu
                    lassen. Blair forderte in einer direkt aus
                    London ins Weisse Haus in Washington
                    übertragenen Erklärung, das neue
                    Wissen «weise zu nutzen».

                    Clinton verlangte: «Wir müssen
                    sicherstellen, dass die neue
                    Genforschung und ihre
                    Errungenschaften das Leben aller
                    Bürger der Welt besser machen, nicht
                    nur dasjenige weniger Privilegierter.»
                    Die Privatsphäre dürfe nicht verletzt
                    werden, und genetische Informationen
                    dürften nicht dazu benutzt werden,
                    Menschen zu stigmatisieren oder zu
                    diskriminieren. Clinton wertete die
                    «Blaupause des Genoms» als die
                    «wundersamste Karte in der
                    Menschheitsgeschichte».

                    «Einzigartiges Geschenk»

                    Zweieinhalb Monate nach den ersten
                    Erfolgsmeldungen des amerikanischen
                    Genforschers Craig Venter hat das
                    internationale Human Genome Project
                    (HGP) nach eigenen Angaben 97
                    Prozent des menschlichen Erbgutes
                    aufgeschlüsselt.
                    Vertreter des Zusammenschlusses
                    zahlreicher Forschungsinstitute
                    bezeichneten dies am Montag in London
                    als eine der grössten Leistungen der
                    Menschheit. «Die Aufschlüsselung des
                    menschlichen Genoms ist mit dem
                    ersten Menschen auf dem Mond
                    verglichen worden, aber ich glaube, es
                    ist mehr als das», sagte Michael Dexter,
                    der Direktor des britischen
                    Hauptsponsors Wellcome Trust. Die
                    aufgeschlüsselten Erbinformationen
                    würden der ganzen Welt zugänglich
                    gemacht; dies sei ein «einzigartiges
                    Geschenk an die Menschheit».

                    Langer Konkurrenzkampf

                    Das staatlich geförderte HGP hatte in
                    der Vergangenheit immer wieder seinen
                    Hauptkonkurrenten Venter kritisiert, der
                    sich die Entschlüsselung der Gene
                    patentieren lassen und damit viel Geld
                    verdienen will. Venters Unternehmen
                    Celera Genomics hatte schon im April
                    die Entschlüsselung des menschlichen
                    Erbgutes zu 99 Prozent verkündet.
                    Experten hielten dieses Ergebnis für
                    fragwürdig.

                    Ein grosser Schritt - aber der Weg ist noch lang

                    GENFORSCHUNG / Die Wissenschaftler
                    des Human Genome Project und der
                    privaten Firma Celera haben eine
                    Herkulesaufgabe gelöst. Allerdings sind
                    sie auch nach der gemeinsamen
                    Präsentation eines «vollständigen
                    Bauplans» des Menschen noch weit
                    davon entfernt, bald wirksame
                    Medikamente und Therapien gegen
                    Krankheiten wie Krebs, Rheuma,
                    Herzinfarkt, Alzheimer sowie
                    Behinderungen entwickeln zu können.
                    Und es wird noch eine Weile dauern, bis
                    das Modell vollständig überprüft und
                    verbessert ist.

                    THOMAS SPANG, WASHINGTON

                    Die einen vergleichen die Ergebnisse der
                    Genom-Forscher mit der Landung auf
                    dem Mond, andere, wie USA-Präsident
                    Bill Clinton, versprechen «einen
                    kompletten Wandel der Medizin» durch
                    die Dechiffrierung des menschlichen
                    Genoms. Als das Human Genome Project
                    (HGP) vor zehn Jahren startete,
                    erwartete niemand, dass bereits im Jahr
                    2000 ein kompletter Satz des
                    menschlichen Genoms entschlüsselt
                    sein werde.

                    Denn immerhin galt es, mehr als drei
                    Milliarden Bausteine der menschlichen
                    Erbsubstanz DNA zu bestimmen und
                    innerhalb der 23 Chromosomen-Paare
                    anzuordnen. Unter der Federführung der
                    National Institutes of Health in
                    Washington und des Wellcome Trust in
                    Grossbritannien haben Forscher aus
                    aller Welt Bestandteile des
                    menschlichen Bauplans untersucht und
                    die Hauptergebnisse in einer Datenbank
                    der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
                    Dort können heute Informationen über
                    50 000 Gene abgerufen werden (
                    http://www.nhgri.nih.gov/HGP  ).

                    Privat und öffentlich

                    Dass gestern zwei Forscherteams
                    gemeinsam die Dechiffrierung der
                    menschlichen Erbsubstanz bekannt
                    machten, ist das Ergebnis eines langen
                    und erbitterten Wettbewerbs. An
                    dessen Beginn stand der Abschied J.
                    Craig Venters (siehe unten) vom
                    National Institute of Health. Venter
                    gründete das Unternehmen Celera und
                    konnte etwa 330 Millionen Dollar (545
                    Millionen Franken) an privatem Kapital
                    mobilisieren, um mit dem staatlichen
                    Human Genome Project in den
                    Wettbewerb zu treten. Celera kaufte
                    300 Sequenzer - Maschinen, mit denen
                    Abschnitte der DNA automatisch
                    analysiert werden können. Das HGP hat
                    davon weltweit nur 200 Einheiten im
                    Einsatz. Hinzu kommt die Investition
                    Celeras in den leistungsfähigsten
                    Computer der Welt. Mit dieser
                    Kombination konnte Celera täglich 140
                    Millionen Abschnitte des Genoms
                    aufschlüsseln.
                    Die mit dem dreifachen Budget
                    ausgestatteten Forscher des HGP
                    gerieten unter Zugzwang. Wohl mehr
                    aus Selbstschutz diffamierten einige
                    seiner Repräsentanten den findigen
                    Kollegen in Rockville und versuchten
                    seine Methode in Zweifel zu ziehen.
                    Der bittere Krieg der Worte wich einer
                    nüchterneren Betrachtung, als Venter
                    im April dieses Jahres ankündigte, alle
                    Teile des Genoms identifiziert zu haben.
                    Francis Collins, einer der führenden
                    Köpfe im Human Genome Project,
                    gratulierte Celera damals zum Sieg im
                    Wettlauf um die Bestimmung der
                    einzelnen DNA-Bestandteile, gab aber
                    zu bedenken, dass diese Teile nun wie
                    bei einem riesigen Puzzle noch in eine
                    Reihenfolge gebracht werden müssten.
                    Es sei deshalb sehr unwahrscheinlich,
                    «dass ein vollständiges, akkurates und
                    verlässliches Modell des menschlichen
                    Erbguts in Kürze vorliegt. Das wird auf
                    beiden Seiten noch einige Jahre
                    dauern.»

                    Historischer Montag

                    Auch damit lagen die Forscher des HGP
                    daneben. Denn nun liegt genau das vor:
                    ein vollständiger Bauplan der
                    menschlichen DNA. Craig Venter und
                    seine Kollegen präsentierten am Montag
                    ein «fertiges» Modell, die
                    Wissenschaftler der HGP eines, in dem
                    97 Prozent aller Abschnitte lokalisiert
                    sind. Die gemeinsame Präsentation
                    dokumentiert, dass die beiden Seiten
                    Frieden miteinander geschlossen haben
                    und künftig gegenseitig von ihrer Arbeit
                    profitieren wollen. Einig sind sich die
                    Forscher darin, dass es noch etwa ein
                    bis zwei Jahre dauern wird, ehe das nun
                    vorgestellte Modell einer vollständigen
                    Überprüfung und Verbesserung
                    unterzogen ist.
                    Dennoch geht dieser Montag in die
                    Wissenschaftsgeschichte ein. Richard
                    Gibbs, der für das HGP in Houston
                    forscht, vergleicht das Ereignis mit der
                    ersten Mondlandung 1969: «Es ist so
                    wie der Mann auf dem Mond, wie der
                    Beginn der industriellen Revolution.»
                    Craig Venter meint, nun werde die
                    Forschung erst richtig beginnen. «Es
                    wird wohl noch ein Jahrhundert dauern,
                    bis wir die mehreren Tausend Proteine
                    bestimmt, charakterisiert und
                    verstanden haben, die von den Genen
                    produziert werden.» Dessen ungeachtet
                    können sich die Wissenschaftler nun auf
                    die Untersuchung von Abweichungen
                    zwischen den Genen konzentrieren und
                    damit die Ursachen von Krankheiten
                    erklären.
                    Sind einst solche DNA-Abschnitte
                    identifiziert, können Medikamente
                    entwickelt werden. Eines fernen Tages,
                    so sagen Mediziner voraus, wird
                    vielleicht jeder Patient mit einer
                    Chipkarte herumlaufen, auf der alle
                    genetischen Informationen gespeichert
                    sind. Die Ärzte könnten dann «Medizin
                    nach Mass» verordnen. Auf jeden Fall
                    stehen hinter den Bemühungen der
                    Wissenschaft auch massive
                    wirtschaftliche Interessen. So soll
                    Celera bereits 6000 Genpatente haben.
                    Ausserdem vermarktet die Firma ihre
                    Ergebnisse bei der Pharmaindustrie. So
                    bietet Celera interessierten
                    Unternehmen ihre Datenbank in
                    mehrjährigen Verträgen zum
                    Abonnement an. Bisher sind Preise
                    zwischen fünf und fünfzehn Millionen
                    Dollar bezahlt worden.
 

   Noch hat niemand den Schlüssel

                    GENOM / Die gewonnenen Daten allein
                    ergeben noch keine Erkenntnisse, sind
                    aber ungeheuer wertvoll. Als
                    Erklärungsversuch ein Vergleich mit dem
                    Eiffelturm.

                    BERNHARD WENGER

                    Nun ist das menschliche Genom
                    entschlüsselt: Diese Meldung wird
                    weltweit für Furore sorgen. Und
                    unvermittelt taucht beispielsweise
                    wieder die alte Frage auf, wonach
                    Mensch und Schimpanse genetisch zu
                    99 Prozent identisch seien; man solle
                    nun bitte den Unterschied erklären. Die
                    Entschlüsselung des gesamten Genoms
                    bedeutet lediglich, dass man die
                    gesamte Masse der Gene und deren
                    Abfolge im Sinne einer Nummerierung
                    kennt.

                    Vergleich mit dem Eiffelturm

                    Weil die Gentechnik wirklich kompliziert
                    ist, muss man sich bei der Erklärung -
                    trotz allem Respekt für die Natur - auf
                    ganz einfache Modelle stützen. In
                    diesem Sinn könnte das menschliche
                    Genom behelfsmässig mit dem Eiffelturm
                    verglichen werden. Bei dessen
                    Erstellung musste vorerst einmal eine
                    ganz bestimmte Menge von Baumaterial
                    (Eisen, Stahl, Schrauben, Beton, Holz
                    usw.) herbeigeschafft, verarbeitet und
                    verwendet werden. Nebeneinander
                    aufgeschichtet, hätte diese
                    Ansammlung von Rohstoffen lediglich
                    eine hässliche Materialablage ergeben.
                    Nun hat aber seinerzeit ein genialer
                    Architekt einen entsprechenden Plan
                    gezeichnet; unzählige Mitarbeiter sind
                    an die Umsetzung gegangen, bis
                    wirklich ein Turm vorhanden war, den
                    heute noch jedes Kind sofort erkennt.
                    Nebst Reparaturarbeiten ist im Laufe
                    der Zeit auch die Umgebung des
                    Eiffelturms ständig angepasst worden.
                    Letzteres wären dann - umgesetzt auf
                    das menschliche Genom - die
                    Umwelteinflüsse.
                    Im Grunde genommen ist der Eiffelturm,
                    was seine Einzelteile betrifft, immer
                    noch nichts anderes als ein Haufen
                    Material. Wird er einst abgebrochen,
                    geht auch der ganze Zauber seiner
                    Erscheinung verloren. Ähnlich verhält es
                    sich auch beim vollständig
                    entschlüsselten Genom. Man kennt
                    jetzt das gesamte «Baumaterial».
                    Dieses ist von den Wissenschaftlern
                    fein säuberlich mengenmässig abgezählt
                    worden. Die Grobarchitektur des
                    Aufbaus eines menschlichen Organismus
                    ist auch schon teilweise bekannt. Aber
                    bei unzähligen Details ist es noch nicht
                    möglich, diese Abfolge von chemischen
                    Stoffen bestimmten Funktionen
                    zuzuordnen. Und auch
                    Differenzierungen, die sich
                    beispielsweise aus Veränderungen in der
                    Umwelt ergeben, können - abgesehen
                    von ausgewählten Beispielen - noch in
                    keiner Weise erfasst werden.

                    Dreidimensional

                    Wichtig ist in diesem Zusammenhang
                    auch die Architektur der Biomoleküle. In
                    dieser Hinsicht ist es dank der
                    Entschlüsselung des Genoms möglich,
                    die verschiedenen chemischen
                    Baustoffe gewissermassen zu messen,
                    zu wägen, ihre Zusammensetzung
                    genau zu bestimmen. Aber die Eiweisse,
                    die beim Aufbau und der Struktur einer
                    Zelle oder eines Organs eine
                    entscheidende Rolle spielen, sind nicht
                    «nur» eine Abfolge von chemischen
                    Stoffen, sondern diese haben in der
                    Regel eine dreidimensionale Struktur. Je
                    nachdem wie diese aussieht, verhält
                    sich auch das Eiweiss. Entsprechend
                    tritt es ganz unterschiedlich in Kontakt
                    zu anderen Stoffen. Auf diese Weise
                    entscheidet sich dann auch, ob
                    beispielsweise ein Medikament wirkt
                    oder ob eine Krankheit entsteht. Und
                    fachlich zwar nicht ganz korrekt, aber
                    trotzdem einleuchtend kann künftig
                    auch erklärt werden, weshalb bei
                    mehreren Kindern aus der gleichen
                    Familie Temperament, Nasenform und
                    Fleiss trotz bekanntem Bauplan so
                    unterschiedlich sein können.

    Forscher im Wettlauf

                    GEMEINSAM / Nach einem teilweise
                    verbittert geführten Wettrennen wollen
                    nun die beiden Exponenten der
                    Genomforschung ihre Daten gemeinsam
                    veröffentlichen.

                    tsw. Craig Venter fällt in der Kantine
                    seines Unternehmens Celera in Rockville
                    nahe Washington nicht auf. Er trägt
                    Jeans und Poloshirts, seine 50
                    Mitarbeiter wissen auch so, warum sie
                    Respekt vor ihrem Chef haben. In
                    Amerika bekam der 52-jährige
                    Wissenschaftler den Titel «Herr der
                    Gene» verliehen: Ohne seinen Ehrgeiz
                    und den festen Glauben an ein
                    Verfahren, mit dem er sich dem
                    Widerspruch eines Grossteils der
                    etablierten Genforschung aussetzte,
                    brachte er das «Human Genome
                    Project» auf Trab. So kommt es heute,
                    dass beide Seiten das Ziel viel schneller
                    erreichten, als noch vor zehn Jahren
                    geplant.

                    Venter fand 1992 für das von ihm
                    entwickelte Genanalyse-Verfahren mit
                    Wallace Steinberg einen Investor, der
                    ihm half, ein eigenes Forschungsinstitut
                    zu gründen. Nach
                    Meinungsverschiedenheiten hatte er
                    sich aus einem Teilprojekt an den
                    National Institutes of Health in
                    Washington zurückgezogen. Die
                    Gründung von Celera und die
                    Zusammenarbeit mit Michael
                    Hunkapiller, dem führenden Hersteller
                    von Genanalyse-Geräten, führten zur
                    Installation des leistungsstärksten
                    Rechnersystems der Welt. Venter ist
                    aber nicht nur ein begabter
                    Wissenschaftler, sondern auch ein
                    cleverer Geschäftsmann.
 

                    sda. Francis Collins, Leiter des Human
                    Genome Project (HGP), steht bei seiner
                    Arbeit zur Erfassung und Typisierung
                    der menschlichen Erbanlagen stets im
                    Spannungsfeld zwischen Gewissen und
                    Wissenschaft. Er war ursprünglich
                    Chemiker. Später spezialisierte er sich
                    auf die Erforschung der menschlichen
                    Gene. An der Yale-Universität forschte
                    er auf dem Gebiet der Biochemie und
                    «entdeckte» dabei für sich die
                    Desoxyribonukleinsäure (DNS), in der
                    die Erbinformationen gespeichert sind.

                    Collins spezialisierte sich auf
                    Humangenetik und ging 1984 an die
                    Universität von Michigan. Elf Jahre
                    später wechselte er zu den Nationalen
                    Gesundheitsinstituten (NIH) der USA,
                    um die Leitung des öffentlich
                    geförderten Forschungsvorhabens zur
                    Erstellung einer Karte des menschlichen
                    Genoms zu übernehmen. An dem mit
                    drei Milliarden Dollar ausgestatteten
                    HGP-Gemeinschaftsprojekt sind
                    Institute in 18 Ländern beteiligt.
                    Früher Atheist, ist Collins heutzutage
                    tief gläubig. Er nutzt jede Gelegenheit,
                    auf die ethischen Risiken des
                    wissenschaftlichen Fortschritts
                    hinzuweisen.
 

Kommentar: VERANTWORTLICH NUTZEN!

                                                       BERNHARD WENGER

                                                       Grundsätzlich ist die
                                                       Aufschlüsselung des
                                                       menschlichen Genoms als
                                                       historische Tat der
                                                       Forschung zu bezeichnen.
                                                       Gemeinsam und - was das
                                                       Tempo und die angewandte
                                                       Technik betrifft - in einem
                                                       beispiellosen Wettkampf ist
                                                       es den Wissenschaftlern
                                                       gelungen, die Bausteine des
                                                       menschlichen Erbguts in
                                                       ihrer Gesamtheit
                                                       aufzuschlüsseln.

                                                       Doch echte Freude mag
                                                       vorerst nicht so recht
                                                       aufkommen. Wir wissen
                                                       nämlich nicht, was in der
                                                       Folge mit dem errungenen
                                                       Wissen geschieht. Ohne
                                                       Zweifel steckt in den - im
                                                       Moment als riesige
                                                       Bibliothek imponierenden -
                                                       Daten
                                                       ein kaum vorstellbares
                                                       Potenzial. Häufig sehr hilflos
                                                       haben wir bis jetzt bei vielen
                                                       schweren Krankheiten deren
                                                       Ursachen nicht verstehen
                                                       und dementsprechend nicht
                                                       helfen können.
                                                       Nun haben die Forscher
                                                       tatsächlich den Schlüssel in
                                                       der Hand, nach und nach
                                                       hinter die Geheimnisse von
                                                       Leiden zu kommen, die auf
                                                       Störungen und Krankheiten
                                                       in den Genen beruhen.
                                                       Gleichzeitig bereitet die
                                                       offensichtliche Gier einiger
                                                       Labors, auf diesem Gebiet
                                                       Patente anzuhäufen, ebenso
                                                       Sorgen wie der Umstand,
                                                       dass die Erkennung
                                                       genetischer Leiden
                                                       gefährlich sein kann, falls
                                                       sie zur Ausgrenzung
                                                       betroffener Menschen führt.
                                                       Einmal mehr wird deshalb
                                                       ausschliesslich das
                                                       menschliche Verhalten
                                                       entscheiden, ob das neu
                                                       gewonnene Wissen uns auch
                                                       weiterbringt oder uns
                                                       schadet. Sicher wird es noch
                                                       lange dauern, bis die
                                                       genauen Funktionen der
                                                       jetzt aufgeschlüsselten Gene
                                                       bekannt sind.
                                                       Diese Zeit muss und kann
                                                       genutzt werden, indem die
                                                       Wissenschaftler den
                                                       ethischen Unterbau ihres
                                                       Tuns stärken, sich
                                                       beispielsweise konsequent
                                                       wehren, wenn Schwächere
                                                       wegen ihres Erbguts
                                                       diskriminiert werden. Ob der
                                                       Mensch nicht nur auf
                                                       technischem Gebiet, sondern
                                                       auch moralisch lernfähig ist,
                                                       wird der künftige Umgang
                                                       mit dem Erbgut zeigen.