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England steckt tief in der Gentech-Krise

Auslöser für die heftige Kontroverse über Gentech- Kost ist das umstrittene Experiment des Forschers Arpad Pusztai. Es zeigt, dass Gentech-Kartoffeln in Ratten Schäden anrichten.

Von Kaspar Meuli, London

Als Arpad Pusztai vor drei Jahren begann, Ratten mit gentechnisch veränderten Kartoffeln zu füttern, dachte er nicht im Traum daran, dass sein Experiment eine Grundsatzdebatte über die Sicherheit von gentechnisch veränderten Lebensmitteln auslösen könnte. Es handelte sich dabei um Kartoffeln, die kommerziell nicht zugelassen sind. Doch seine Versuche haben in der Öffentlichkeit mittlerweile eine noch nie da gewesene Diskussion über die Unbedenklichkeit von Gentech-Food in Gang gebracht.

Warum? Entgegen den Erwartungen des ungarischstämmigen Forschers Pusztai vom Rowett Institute in Aberdeen zeigten die mit Gentech-Kartoffeln gefütterten Tiere nämlich eine Gewichtsabnahme der Organe wie Lunge und Herz, aber auch dem Hirn. Zusätzlich erwies sich ihr Immunsystem als geschwächt.

Pusztai und seine Kollegen verwendeten bei ihrem Fütterungsexperiment gentechnisch veränderte Kartoffeln, die das Gen von einem Lektin aus dem Schneeglöckchen tragen. Lektine sind Pflanzeneiweisse, die bei der Abwehr von Schädlingen eine wichtige Rolle spielen. Das Schneeglöckchen-Lektin sollte die Kartoffelpflanze vor Blattläusen und Fadenwürmern schützen und gilt als das am wenigsten toxische unter den bekanntermassen giftigen Lektinen.

Den einen Ratten verfütterte Pusztai während zehn Tagen die gentechnisch veränderten Kartoffeln, die nun Schneeglöckchen-Lektin produzierten. Das Futter der Kontrollgruppe bestand hingegen aus konventionellen Kartoffeln, dem zusätzlich das Lektin beigesetzt wurde. Weil diese Gruppe von Ratten keine Schäden zeigten, konnten die Forscher also ausschliessen, dass das Lektin Ursache der körperlichen Veränderungen war.

Obwohl die Forschungsergebnisse erst vorläufigen Charakter trugen, begannen sich Arpad Pusztai und seine Mitarbeiter um die möglicherweise weit reichenden Folgen ihrer Entdeckung in der Öffentlichkeit zu sorgen - ohne zuerst, wie im Wissenschaftsbetrieb Gesetz, ihre Erkenntnisse von Kollegen begutachten und in einer Fachzeitschrift publizieren zu lassen.

Am deutlichsten äusserte sich Pusztai im vergangen August in einer Reportage des englischen Fernsehsenders ITV, als er erklärte, er fände es "sehr, sehr unfair, unsere Mitbürger als Versuchskaninchen zu missbrauchen". Versuche zu gentechnisch veränderten Lebensmitteln müssten in den Labors stattfinden. Persönlich, sagte der Forscher, würde er nie Gentech-Food essen. Dies sollte dem 68-jährigen Pusztai den Kopf kosten. Die Kritiker des Lektinexperten sprechen von "unwissenschaftlichem Verhalten" und "falschen Schlüssen".

Einen Tag noch nach dem Interview verteidigte ihn sein Vorgesetzter, Institutsdirektor Philip James zwar noch in der Öffentlichkeit, zwei Tage später wurde Pusztai von seiner Arbeit suspendiert und mit einem Verbot belegt, sich weiter öffentlich zu seiner Gentech-Forschung zu äussern. Das von ihm geleitete Forschungsprogramm über die Auswirkungen von gentechnisch veränderter Ernährung auf Tiere wurde eingestellt. Die Befürworter von Pusztai sind überzeugt, seine Arbeit sei politischer und wirtschaftlicher Interessen wegen gestoppt worden.

Im vergangen November lenkte Stanley Ewen, Pathologe an der Universität von Aberdeen das wissenschaftliche Interesse erneut auf das Kartoffelexperiment. Ewen war an der Auswertung der Versuchsergebnisse beteiligt und kam zu ähnlichen Schlüssen wie Projektkoordinator Pusztai. An einem Treffen europäischer Lektinforscher legte Ewen im schwedischen Lund dar, wie Magen und Darm der mit Gentech-Kartoffeln gefütterten Ratten hochsignifikante Veränderungen aufwiesen. Im Speziellen berichtete der Pathologe von einer Ausdehnung der Magenschleimhaut.

Pusztai bekommt Unterstützung

"Die Veränderungen in der Morphologie der Eingeweide sind offensichtlich", sagt Ian Pryme, ein norwegischer Lektin-experte zu Ewens Erkenntnissen. "Weshalb es zu diesen Veränderungen kam, wissen wir nicht, dazu braucht es vertiefte Forschungen." Ian Pryme ist Professor für Biochemie an der Universität von Bergen und gehört dem europäischen Forschungsprogramm Cost 98 an, das sich mit der Wirkungsweise von Lektinen befasst.

Um Teilnehmer von Cost 98 formierte sich in den vergangen Monaten eine Gruppe zur Unterstützung des abgesetzten Biochemikers Arpad Pusztai. 22 Wissenschaftler aus 13 Ländern überprüften das Fütterungsexperiment ihres Kollegen und kamen zum einhelligen Schluss, Pusztais Beobachtungen an Organen und Immunsystem der Ratten hielten allen wissenschaftlichen Kriterien stand.

"Es spricht sehr viel dafür, dass weitere Untersuchungen nötig sind, um die Bedeutung dieser Erkenntnisse zu erhellen", schreiben die Wissenschaftler in einer Erklärung, mit der sie sich letzte Woche an die englischen Medien wandten. Die Forscher fordern die Rehabilitierung Pusztais sowie die Wiederaufnahme seiner Arbeit.

Dieser Schritt in die Öffentlichkeit ist im Wissenschaftsbetrieb alles andere als üblich. Die Unterzeichner des Memorandums jedoch rechtfertigten ihr Vorpreschen mit der "dringenden Notwendigkeit", eine vertiefte Debatte über die Sicherheit von Gentech-Food zu führen. Udo Schuhmacher, Professor am Neuroanatomischen Institut der Universität Hamburg und einer der Mitunterzeichner des Appells, sagt: "Pusztais Resultate sind potenziell so wichtig, dass man seine Tests nun unbedingt in grösserem Massstab nachvollziehen muss."

Monsanto finanziert Forschung

In der heftigen Kontroverse in Grossbritannien sind mittlerweile Verknüpfungen zwischen Politikern, der Nahrungsmittelindustrie und dem Forschungsbetrieb zu Tage getreten, die zu Fragen Anlass geben. So wurde bekannt, dass das Rowett Institute in Aberdeen, das Pusztai in die Frühpension schickte, in der Vergangenheit auch vom amerikanischen Agromulti Monsanto finanziert wurde, einem der Vorreiter beim Gentech-Food.

Für Schlagzeilen sorgten auch Enthüllungen, wonach der britische Wissenschaftsminister Lord Sainsbury, dessen Familie eine der grössten Supermarktketten des Landes besitzt, persönlich über wirtschaftliche Interessen in der Gentech-Industrie verfüge. In der Debatte wird denn auch nicht mit Kritik an Arpad Pusztai und am Wissenschaftlerkomitee zu seiner Unterstützung gespart. Bemängelt wird aber weniger deren fachliche Kompetenz als ihr vorschneller Gang an die Öffentlichkeit.

Ergebnisse richtig veröffentlichen

Die Pusztai-Unterstützer wehren sich: "Wir sind keine Querulanten", sagt Ian Pryme von der Universität Bergen. "Wir versuchen lediglich, unsere Verantwortung als Wissenschaftler wahrzunehmen und Fragen zu stellen, die uns von grösster Bedeutung erscheinen." Es gelte, früher gemachte Fehler nicht zu wiederholen, sagt Pryme und verweist auf die Tabakindustrie, der es gelungen sei, wissenschaftliche Erkenntnisse über die Gefahren des Rauchens lange Zeit unter Verschluss zu halten.

Schon zeigt die durch den Appell der Lektinforscher ausgelöste Debatte Wirkung. Entgegen seiner früheren Absicht hat das Rowett Institute angekündigt, die Pusztai-Forschungsergebnisse nun doch vollständig zu veröffentlichen. Sie sollen neutralen Wissenschaftsgremien vorgelegt werden. Arpad Pusztai selbst wurde von seinem Redeverbot enthoben. Und möglicherweise wird der kontroverse Fütterungsversuch bald wiederholt.

Noch viele Ungereimtheiten

Jos Koninkx von der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Utrecht bestätigte gegenüber dem "Tages-Anzeiger", sein Institut beabsichtige, Pusztais Testreihe unter dessen Supervision möglichst bald zu reproduzieren. Ein Vorhaben, das sich nicht gerade aufdrängt. Denn was Pusztai und seine Kollegen als Grund für die Veränderungen bei den am Rowett Institute getesteten Ratten vermuten, würde letztlich die ganze Gentech-Food-Industrie in Frage stellen. Es könnte nämlich sein, dass eine andere eingeschleuste Gensequenz verantwortlich ist für die Veränderungen im Organwachstum: der sogenannte Promoter, der in einer Schalterfunktion das eingebaute Gen aktiviert.

Der Promoter aus dem Blumenkohl-Mosaik-Virus wird jedoch in der Gentech-Industrie auch bei Eingriffen ins Erbgut von Mais- und Sojapflanzen verwendet. Im Gegensatz zur Gentech-Kartoffel, die nicht kommerziell angebaut wird, sind aus diesen Pflanzen hergestellte Lebensmittel bereits heute im Handel. Sollten sich die Befürchtungen von Arpad Pusztai erhärten, käme dies womöglich einem Todesstoss für die ganze Gentech-Food-Industrie gleich.